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Zumindest einen Erfolg kann man im sich neigenden "Jahr der Biodiversität"
Verzeichnen: Die experimentelle Bestätigung über die Bedeutung der einzelnen
Art im Gefüge der Lebensgemeinschaften. Wen wundert es dabei, dass gerade an
der Basis des Gefüges die Wirkung eines einzelnen Artenverlustes am
stärksten ist? Zu lernen bleibt dabei, dass es nicht darauf ankommt, dass
eine spektakuläre Art mit hohem Sensationswert vom Ausssterben erfasst wird ... !

Dr. Eberhard Schneider

 


Schneeballeffekt durch aussterbende Pflanzen

von Julia von Sengbusch

30 Prozent aller Tier- und Pflanzenarten weltweit sind heute gefährdet.
Insbesondere, wenn wieder eine große Tierart als ausgerottet gilt, horcht
die Öffentlichkeit auf. Doch aussterbende Pflanzen haben viel gravierendere
Effekte auf die Artenvielfalt.

Das hat jetzt ein Team um Christoph Scherber von der Universität Göttingen
herausgefunden [1]. Pflanzen stehen am Anfang der Nahrungskette: Wenn sie
verschwinden, sterben als nächstes die Organismen, für die sie die
Nahrungsgrundlage bilden. Dadurch wiederum werden räuberische Insekten
gefährdet.

Dieser Effekt setzt sich schneeballartig die Nahrungskette entlang fort und
bedroht ein immer breiteres Artenspektrum. "Wenn auch nur eine einzige
Pflanzenart ausstirbt, dann gehen mit ihr oft eine ganze Menge weiterer
Arten verloren", sagt Scherber. Die Forscher veröffentlichten ihre
Ergebnisse nun im Fachblatt Nature.

Acht Jahre lang beobachteten sie in einem der am längsten währenden
Ökosystem-Experimente Europas, wie sich die Artenzusammensetzung verändert.
Beim sogenannten "Jena-Experiment" können Forscher auf verschiedenen,
jeweils 400 Quadratmeter großen Grasflächen alle möglichen Tier- und
Pflanzenarten kombinieren. Außerdem haben sie die Möglichkeit, die
Bedingungen im laufenden Versuch zu verändern, indem sie die Flächen mähen
oder düngen oder Arten entfernen und hinzufügen.

"Die Studie ermöglicht es auch, Artensterben vorherzusagen und abzuschätzen,
welche Tiergruppen am empfindlichsten darauf reagieren", sagt Scherber. So
konnten die Forscher zeigen, dass Tiere, die oberirdisch leben,
Veränderungen gegenüber deutlich sensibler sind als Spezies im Boden.

Ein weiteres Ergebnis der Wissenschaftler: Je vielfältiger die Pflanzen in
einem Gebiet sind, umso positiver beeinflussen sie ihre Umwelt. Sie
verhindern, dass sich einzelne Arten von Pilzen oder Unkräutern zu stark
ausbreiten und ziehen ein buntes Spektrum von Insekten an, die ihrerseits
die Pflanzen befruchten und so deren Überleben sichern. "Die
Pflanzenvielfalt fördert vor allem Arten und Funktionen, die für den
Menschen wichtig und erhaltenswert sind", so der Agrarökologe Scherber.

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LINKS [Red.]
[1] http://www.ufz.de/?de=20730


Frankfurter Rundschau - 28.10.2010

Link zum Artikel: http://www.fr-online.de/wissenschaft/-/1472788/4784762/-/