Meldung im Münchner Merkur vom 10. August 2005:

Wende bei Kormoran-Abschuss

Regierung will Genehmigung ein Jahr aussetzen

Chiemsee (th) - Die Regierung von Oberbayern plant, die erst im März erteilte Abschussgenehmigung für Kormorane am Chiemsee für ein Jahr auszusetzen. Zum Beginn der Jagdzeit am 16. August hätten 87 Exemplare des gefräßigen Fischräubers abgeschossen werden können. Grund für den überraschenden Sinneswandel ist offenbar die Meinung von Vogelschützern, dass die Brutkolonie im Achendelta aufgegeben worden sei. Holmer Lex, Vorsitzender der Fischereigenossenschaft Chiemsee, ist sauer: Eine Aussage über die Aufgabe des Brutplatzes könne frühestens im nächsten Frühjahr getroffen werden. Außerdem sei das Achendelta von der Bejagung ausgeschlossen.

Münchner Merkur Nr. 184 vom 11. August 2005:

Wo ist der Kormoran hin?
Brutplätze am Chiemsee vorzeitig verlassen - Experten rätseln

VON BORIS FORSTNER Chiemsee - Streit, juristische Klagen, erbitterte Vorwürfe - die Geschichte des Kormorans am Chiemsee ist lang. Jetzt ist sie noch um ein Kapitel reicher. Denn offenbar ist die Brutkolonie im Naturschutzgebiet der Tiroler Achen, dem Haupt-Rückzugsgebiet, völlig verlassen. Das könnte den Plan der Chiemsee-Fischer durchkreuzen, mit Beginn der Abschussgenehmigung am 16. August erlaubte 87 Exemplare des ihnen verhassten Fischräubers zu erlegen.

Holmer Lex konnte es kaum glauben, als er die Nachricht erhielt. Innerhalb von zwei Tagen sollte der 76-jährige Chef der Fischereigenossenschaft Chiemsee eine Stellungnahme abgeben, was er denn von einer möglichen Verschiebung der Kormoran-Jagd um ein Jahr halte. “Natürlich sind wir nicht einverstanden, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass unser Einwand etwas ändert”, sagt Lex. Doch Thomas Huber, Sprecher der für die Genehmigung zuständigen Regierung von Oberbayern, betont, dass die Entscheidung erst nach “intensiven Gesprächen mit den Fischern” falle. Außerdem seien weitere Begehungen der Brutplätze notwendig. “Wegen der Tourismusaktivität am Chiemsee kann ich mir aber kaum vorstellen, dass derzeit nennenswerte Abschüsse stattfinden können”, so Huber.

Für Jagd 2002 gab es Rüffel der EU

Mit ihrer Jagd auf den Kormoran scheinen die Fischer einfach kein Glück zu haben. Alle Versuche, den schlauen Fischräuber etwa mit künstlichem Lärm oder anderen Tricks zu verjagen, sind gescheitert. Eine Jagd in Naturschutzgebieten sowie an zahlreichen Seen in Oberbayern ist verboten. Und als der Freistaat im März 2002 überraschend genehmigte, den Kormoran im Naturschutzgebiet der Tiroler Achen zu schießen und immerhin 63 Exemplare erlegt wurden, gab es daraufhin einen deftigen Rüffel von der EU.

Erst drei Jahre später, im März 2005, hatten die Chiemsee-Fischer wieder Erfolg mit einer Ausnahmegenehmigung. Von 16. August bis 14. März dürfe eine bestimmte Anzahl Kormorane am Chiemsee mit zahlreichen Einschränkungen geschossen werden. Da der Bescheid erst am 12. März eintraf, konnten in den verbleibenden zwei Tagen nur fünf Tiere erlegt werden. Umso größer war die Hoffnung auf den 16. August, bis jetzt die niederschmetternde Nachricht kam.

Kurioserweise haben die Fischer diese schlechte Botschaft auch noch selbst bezahlt. Denn Bedingung für die Abschussgenehmigung war ein Gutachten eines Ornithologen. Und dieser Vogelkundler, Dr. Michael Lohmann, hat bei seinen regelmäßigen Besuchen in den Tiroler Achen festgestellt, dass der geschützte Brutplatz offenbar bereits im Juni aufgegeben worden ist. Diplom-Biologin Ingrid Geiersberger von der Vogelschutzwarte Garmisch-Partenkirchen, die bei der letzten Schau am 21. Juli dabei war, zeigte sich entsetzt: “Die Kolonie ist völlig verlassen.” Es habe den Anschein, dass das Gebiet auch als Nachtlager nicht mehr angeflogen werde. “Und es gibt auch deutlich weniger Jungvögel. Ganz offensichtlich kann das nicht auf natürlichem Weg passiert sein.” Laut Lohmann-Gutachten könne man über Gründe nur spekulieren, für menschliche Einwirkungen in dem Naturschutzgebiet mit absolutem Betretungsverbot gebe es aber keine Anhaltspunkte.

Holmer Lex und seine 17 Berufsfischer betonen dagegen, auch weiterhin große Kormoran-Schwärme mit Jungvögeln zu sehen. Geht es nach dem Landesbund für Vogelschutz, können sich die Fischer aber nicht nur dieses Jahr den Abschuss abschminken, sondern auch die restliche Zeit bis zum Genehmigungs-Ende 2009. “Wir haben gegen den Freistaat wegen des Bescheids geklagt”, sagt Andreas von Lindeiner. “Im September will das Verwaltungsgericht München entscheiden. Wir sind schon sehr gespannt.” mm